Rein statistisch
Eine Glosse über TV-Partien (Von Jörg Kijanski)

 

 

Zwei Spieler (Weiß: Hübner, Schwarz: Kasparow) sitzen im Studio und spielen Schach.

1.e2-e4 e7-e5 2.Sg1-f3 Sb8-c6 3.Lf1-b5

Die erste Minute der Partei ist verstrichen, nichts passiert und die eigentliche Show beginnt.

Pfleger: "Ja, es ist noch nicht viel passiert, meine lieben Zuschauer. Das ist alles noch Theorie."

Moderator: "Das ist ja interessant. Vielleicht ist es für die Zuschauer auch wichtig zu wissen, was unsere Schachdatenbank ChessBase zu dieser Stellung meint."

Mann am Computer: "Ja, wir haben hier im Computer cirka 100.000 Großmeisterpartien der letzten zwei Jahre gespeichert, und ich sehe gerade, daß es diese Stellung schon einmal gegeben hat. "

Moderator: "Gibt denn die Statistik schon einen Trend aus ?"

Kasparow zieht 3. ...a7-a6.

Pfleger: "Eigentlich ist es noch zu früh, glaube ich, etwas zu prognostizieren."

Hort: "Hhm... ."

Mann am Computer: "Also, rein statistisch hat Weiß in Partien mit dieser Konstellation nach drei Zügen bisher 63,82 Prozent der Partien gewonnen."

Moderator: "Das wäre ja ein deutlicher Vorteil für Hübner."

Mann am Computer: "Aber das ist ja nur rein statistisch. Das kann sich alles noch ändern."

Pfleger: "Vlastimil, wie siehst du denn das Spiel bisher ?"

Hort: "Ja, ich weiß nicht so recht. Aber ich denke, ich würde lieber mit den weißen Steinen spielen."

Pfleger: "Das sieht mir bisher nach einer Spanischen Partie aus."

Hort: "Hhm... ."

Pfleger: "Vielleicht wird ja eine verzögerte Abtauschvariante daraus."

Hort: "Ja, das ist gut möglich."

Moderator: "Für unsere Zuschauer am Bildschirm. Großmeister Pfleger meint, Hübner könnte jetzt den Läufer nach a4 ziehen."

Hübner zieht 4.Lb5xc6.

Pfleger: "Ja, das war vorauszusehen."

Moderator: "Spielt denn hier eigentlich
die Zeit schon eine Rolle ?"

Pfleger: "Ich glaube nicht"

Moderator: "Was passiert denn jetzt als nächstes ? Was meint denn Mephisto ?"

Mann am Computer: "Ja, der Computerweltmeister schlägt Kasparow 4. ...dxc6 vor."

Pfleger: "Er wird bestimmt mit dem b-Bauern schlagen."

Kasparow zieht 4. ...d7xc6.

Pfleger: "Das war klar."

Hort: "Hhm... . Ja, ich weiß nicht. Die Stellung ist doch sehr unklar."

Eine halbe Stunde später. Hübner hat mittlerweile zwanzig, Kasparow zehn Minuten verbraucht. Man befindet sich im 27. Zug; die Stellung ist offen.

Pfleger: "Vlastimil, würdest du jetzt nicht lieber mit den schwarzen Steinen spielen ?"

Hort: "Ja ich weiß. Du würdest jetzt ein Bier gewinnen. Aber mir gefällt die Stellung für Weiß ganz gut. Aber es ist schwierig, hier schon etwas zu sagen."

Moderator: "Wie sieht es denn mit der Zeit aus ?"

Pfleger: "Ich sehe gerade, daß Hübner noch knapp zehn und Kasparow noch gut zwanzig Minuten Zeit hat."

Moderator: "Wird das denn nicht sehr knapp für Hübner ?"

Hort "Hhm... ."

Moderator: "Was sagt denn überhaupt ChessBase zu der Stellung ?"

Mann am Computer: "Ja, diese Stellung hat es erst ein einziges mal gegeben und Weiß hat gewonnen. Rein statistisch also 100 Prozent für Weiß."

Moderator: "Das wäre ja ein deutlicher Vorteil für Hübner."

Pfleger: "Kasparow könnte jetzt den d-Bauern vorziehen."

Zuruf aus dem Publikum: "h6."

Pfleger: "Nein, h6 geht hier nicht. Das schwächt die Königsstellung zu stark."

Kasparow zieht 27. ...h6.

Hort: "Hhm, die Stellung ist sehr unklar."

59 Minuten sind vorbei. Auf dem Brett stehen neben den beiden Königen jeweils zwei weiße und zwei schwarze Bauern. Hübner hat noch zwanzig, Kasparow noch vierzig Sekunden Bedenkzeit.

Moderator: "Spielt denn hier nicht auch die Zeit eine große Rolle ?"

Pfleger: "Ja, aber das Spiel dürfte ohnehin gleich zu Ende sein."

Hort: "Hhm... . Hhm... ."

Pfleger: "Was meinst du denn, Vlastimil ?"

Hort: "Ja, das ist schwer zu sagen. Aber ich glaube, daß Schwarz einen kleinen Vorteil hat."

Pfleger: "Du würdest also lieber mit den schwarzen Steinen spielen ?"

Hort: "Ja, im Moment schon. Doch die Stellung ist immer noch unklar."

Im Hintergrund reichen sich Kasparow und Hübner die Hände. Remis. Das Publikum ist begeistert und applaudiert euphorisch den Kommentatoren.

 

 

Diese Glosse wurde in der Zeitschrift Schach Report Ausgabe 4/93 abgedruckt.
http://www.zeitschriftschach.de/

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