Wilhelm Steinitz 1886 - 1894

"Ich war Weltmeister, weil ich meiner Zeit um zwanzig Jahre voraus war."

Wilhelm Steinitz wurde am 14. Mai 1836 in Prag geboren. Manche Quellen datieren seinen
Geburtstag auf den 18. Mai 1836, während wieder andere behaupten, daß er ein Jahr später
das Licht der Welt erblickte. Er kam in jungen Jahren nach Wien, um an der Technischen
Hochschule zu studieren, sein Interesse galt der Mathematik. Wegen seiner Armut mußte
er das Studium abbrechen. Er wandte sich nun ganz dem Schachspiel zu, und galt bald als
einer der besten Spieler Wiens. Dies bot ihm die Möglichkeit, an dem Turnier in London
1862 teilzunehmen, wo er einen Achtungserfolg errang.

Sein kombinationsreiches Spiel fand Anklang in den Londoner Schachkreisen, und er be-
schloß, in England zu bleiben. In Einzelwettkämpfen erwies er sich den britischen Meistern
überlegen. Im Jahr 1866 besiegte er Anderssen, der - nach Morphys Ausscheiden aus dem
Schachleben - als der beste Spieler der Welt galt. Steinitz gewann mit 8:6, keine Partie endete
unentschieden; seither nahm er für sich den Titel eines Weltmeisters in Anspruch.
Seine bedeutensten Siege in Turnieren waren:

1. Platz im Londoner Turnier 1872
1. Platz im Wiener Turnier 1873
1. Platz im Wiener Turnier 1882

Noch erfolgreicher erwies er sich im Laufe seiner Schachkarriere in Zweikämpfen. Bis er auf
Lasker stieß, konnte er im Verlauf seiner Karriere alle Wettkämpfe für sich entscheiden.
Denkwürdig war sein Sieg über Zukertort. Dieser war im Turnier zu London 1883 Erster vor
Steinitz; seine Erfolge stellten den Weltmeister in den Schatten. Der Wettkampf (der erste
offizielle WM-Wettkampf) der 1886 in Nordamerika ausgtragen wurde, begann für Zukertort
günstig: Nach 5 Partien führte er mit 4:1. Doch dann machte sich die Überlegenheit des Welt-
meisters bemerkbar, er gewann schließlich mit 10:5 Punkten.

In drei weiteren Wettkämpfen verteidigte er nachher seinen Titel erfolgreich: 1889 gegen
Tschigorin 10:6, 1890 gegen Gunsberg 10:6, 1892 im Revanchkampf gegen Tschigorin
10:8.
1894 entriß ihm
Lasker die Weltmeisterschaft, und siegte mit 10:5. Bei all diesen Wettkämpfen
wurden Remispartien nicht gezählt. Zwei Jahre später verlor der alternde Steinitz das Rück-
spiel gegen
Lasker mit 2:10 noch entschiedener.

Seine Kraft war gebrochen, im Turnier zu Wien 1898 mußte er sich mit dem 4. Platz begnügen.
Ein Jahr später ging er in einem Londoner Turnier zum ersten mal in seiner Laufbahn preislos
aus. Als sein Lebenswerk sah Steinitz die neue Lehre des Stellungsspiels an die er begründet
und ausführlich dargelegt hatte. Im Ablauf jeder Schachpartie erkannte er Gesetzmäßigkeiten,
die eine logische Beurteilung der Stellung ermöglichte. So gelangte er zu Formulierungen von
Grundsätzen für alle Phasen der Partie, hauptsächlich aber für das Mittelspiel. Heute sind die
Lehren von Steinitz geistiges Allgemeingut aller Schachspieler.

In seinem letzten Lebensjahr veröffentlichte er im Eigenverlag eine heute längst verschollene
Schrift, in der er seine materielle Not und die vieler anderer Schachmeister beklagte. Zur
Abhilfe schlug er eine utopische, auf Solidarität gegründete Form von Wohltätigkeit vor.

Mit zunehmendem Alter verwirrte sich sein Geist immer mehr, bis er schließlich in eine Nerven-
heilanstalt eingeliefert wurde. In New York, im Park des Sanatoriums "East River", konnte
man am Ufer eines kleinen Baches oft einen alten Mann mit einer Krücke beobachten. Er saß
dort auf einer Bank, hielt ein kleines Schachbrett in den Händen und murmelt unverständliche
Worte. Am 12. August 1900 verbreitete sich in der Welt die Nachricht: Steinitz lebt nicht mehr.

Steinitz war der größte Schachdenker, der das wissenschaftliche Schachdenken nahezu aus dem
Nichts erschuf. - Er hatte keine Vorgänger, nur Nachfolger -