Emanuel Lasker 1894 - 1921 
"Ich halte es nahezu für unmöglich,
Kritik an Lasker zu üben - so sehr
bewundere ich ihn als Persönlichkeit, Künstler und
Schachdenker"
(Alexander Aljechin)
Emanuel Lasker wurde am 24. Dezember 1868 in Berlinchen
geboren. (Nach 1945 gehörte
Berlinchen zu Polen und heißt heute Barlinek) Schon als
Fünfjähriger zeigte er besondere
mathematische Fähigkeiten, indem er Rechenaufgaben wie z.B. 7
mal 53 oder 18 mal 96 ohne
größere Mühe im Kopf ausrechnete. Der kleine Emanuel wollte
ein berühmter Mathe-
matiker werden, aber die Armut der Eltern schien diesen Wunsch
unerfüllbar erscheinen.
Um den gemeinsamen Lebensunterhalt zu sichern, mußte Emanuel,
der beim kiebitzen viel
gelernt hatte, aus seinen schachliche Fähigkeiten Gewinn ziehen.
Nach den ersten Lehrjahren
begann Emanuel im Cafe Kaiserhof Schach zu spielen, und zwar so
erfolgreich, daß er zum
Hausturnier 1888-1889 zugelassen wurde. Sein Abschneiden
überrascht alle. Mit 20 Gewinn-
partien und ohne auch nur ein Unendschieden abgegeben zu haben,
wurde er erster Preisträger.
Bei den damals regelmäßig abgehaltenen Kongressen des Deutschen
Schachbundes durfte
Lasker sich als noch unbekannter Spieler nur am Turnier für
Meisteraspiranten beteiligen. Im
Halbfinale qualifizierte er sich dabei ungeschlagen mit 7 Gewinn-
und 2 Remispartien für das
Finale. Hier teilte er mit 4 Siegen und 2 Verlustpartien den 1.
und 2. Platz mit Feyerfeil aus Wien.
Der Grundstein für eine bespiellose Schachkariere war gelegt.
Einen Monat später nahm er an
einem internationalen Turnier in Ansterdam teil, und belegte den
2. Platz. Nach diesem Turnier gewinnt Lasker einen Zweikampf
gegen von Bardeleben mit 2:1=1
Anfang 1890 beteiligt er sich in Graz an einem Turnier mit sieben
Teilnehmern. Der erste Miß-
erfolg stellt sich ein. Lasker wird hinter dem Ungarn Makovetz
und dem Österreicher Bauer nur
Dritter. Aber dann ist seine Zeit gekommen. Eine ununterbrochene,
drei Jahrzehnte umspannende
Erfolgsserie beginnt. Lasker reist nach England und besiegt dort
den ehemaligen Gegener von
Steinitz Bird mit 7:2=3. Nach Laskers Heimreise spielt er einen
Wettkampf mit dem Dritten des
Breslauer Meisterturniers, dem jungen Mieses, dessen Namen
bereits einen guten Klang hat.
Der Kampf bringt Lasker einen neuen, überlegenen Triumph. Ee
fertigt seinen Gegner mit 5:0=3 ab,
und läßt die Schachwelt ein weiteres mal aufhorchen. Danach
begibt sich Lasker wieder nach
England, und dort häuft sich Erfolg auf Erfolg. Den größten
erziehlt er gegen den zur Weltspitze
gehörenden Blackburne. Lasker gewinnt von 10 Partien 6 mal, die
anderen 4 enden remis. Danach
schlägt er Bird in einem zweiten Wettkampf vernichtend mit 5:0 !
In einem doppelrundigen Turnier
mit Bird, Blackburne,Gunsberg und Mason bleibt er ungeschlagen
und wird mit 5 Siegen und 3
Unendschieden Erster. Die englischen Schachliebhaber sind von
Lasker und dessen Spiel begeistert,
und sehen auf dem Kontinent nur noch 2 ernsthafte Widersacher,
nämlich Tarrasch und Tschigorin
(Steinitz lebte zu dieser Zeit in Amerika)
Zuerst beabsichtigte Lasker, die
Lage in seinem Heimatland zu klären. Er forderte deßhalb seinen
Landsmann, Dr. Siegbert Tarrasch, den scheinbar unbesiegbaren
Matador großer internationaler
Turniere, zu einem Wettkampf heraus. Der mehrfache erste
Preisträger, der die Erfolge von Lasker
als "Dutzenderfolge" abwertet, antwortet aber nur
hochmütig: "Der junge Mann soll erst durch
größere Siege in internationalen Turnieren den Nachweis
erbringen, daß er das Recht hat, mit einem
Mann wie mir zu spielen." Aber so leicht läßt Lasker sich
nicht irremachen. Wenn man ihm in der
alten Welt verwehrt, seine Vorherrschaft zu beweisen, dann wird
er eben die neue Welt erobern.
Kurz entschlossen schifft er sich nach Amerika ein.Dort gewinnt
er überwältigend das New Yorker
Meisterturnier von 1893, indem er alle 13 Gegner, darunter die
gesammte amerikanische Avantgarde,
besiegt. Nun überrascht es schon niemanden mehr, daß Lasker
sogar den Weltmeister herausfordert.
Der gealterte Steinitz ist indessen nicht so hoffärtig wie Dr. Tarrasch. Er
nimmt die Herausforderung
an, sollte dabei auch seine Weltmeisterschaft verloren gehen. Er,
Steinitz, ist noch nie einem Gegner
ausgewichen! So kam es, daß Tarrasch, der Steinitz fürchtete und Lasker unterschätzte, sich zwischen
zwei Stühle setzte.
Die erste Weltmeisterschaft

Das Match mit Steinitz dauerte vom 15. März bis zum 26. Mai 1894. Es wurde in
drei Städten, und zwar
in New York, Philadelphia und Montreal ausgetragen. Die ersten
Partien zeigten noch einen ausgeglichenen
Kampf. Zwar ging Lasker zweimal in Führung, aber Steinitz glich sofort aus. Bald änderte sich jedoch die
Lage. Nach zwei Unentschieden erzielte der junge
Weltmeisterschaftsanwärter fünf Siege hintereinander,
so daß am Ausgang des Kampfes kein Zweifel mehr bestehen konnte.
Schließlich eroberte Lasker die Welt-
meisterschaft mit dem Ergebnis 10:5=4. Nach Beendigung des
Wettkampfes um die Weltmeisterschaft war
de amtliche Weltmeister in der Person von Lasker gegeben, aber
Tarrasch galt nach Meinung der über-
wiegenden Mehrheit der Schachfreunde als bester Spieler der Welt.
Wie konnte dieser Widerspruch gelöst
werden ? Jedermann erwartete mit Spannung einen Wettkampf, aber
die Schachgeschichte nahm einen
anderen Verlauf.
Im Herbst 1894 gab Großmeister Blackburne in der englischen
Kleinstadt Hastings eine Simultanvorstellung.
Das Schachleben erfuhr dadurch einen derartigen Aufschwung, daß
einige Monate später ein dreitägiges
Schachfestival organisiert wurde, an dem die bekanntesten
englischen Spieler teilnahmen. Im Spätsommer
1895 versammelten sich in Hastings die berühmtesten Meister zum
bis dahin stärksten Schachturnier der
Schachgeschichte. Weltmeister Lasker war dabei, auch
Exweltmeister Steinitz und Tarrasch, "der stärkste
Spieler der Welt". Keiner der Großen des Schachs fehlte.
Das 22 Teilnehmer umfassende Weltturnier begann
am 5.August 1895 und dauerte bis zum 2.September. Laskers
Aussichten waren nicht die besten. Er war
krank aus Amerika zurückgekehrt und hatte wochenlang das Bett
hüten müssen. Es gab jedoch nicht wenige,
die diese schlimmen Vorzeichen nur für gerecht hielten, denn
schließlich hatte Steinitz ein Jahr zuvor ebenfalls
unter ungünstigen Umständen den Kampf aufnehmen müssen. Das
Resultat des Turniers warf alle Erwartungen
und bisherigen Wertungen über den Haufen. Sieger wurde der
talentierte, aber noch nie so erfolgreich hervor-
getretene dreiundzwanzigjährige Pillsbury, der aus 21 Partien
16,5 Punkte erzielte. Den zweiten Platz errang der
russische Weltmeisterschaftsanwärter Tschigorin mit 16 Punkten.
Erst danach folgten die "großen Drei".
Unter ihnen wurde Lasker mit 15,5 Punkten Erster. Tarrasch hatte
1,5 Punkte, Steinitz 2,5 Punkte weniger als
er. Damit war Tarrasch des Nimbus der Unbesiegbarkeit beraubt.
Und auch Laskers Ruf war gefährdet.
Welchen Ausweg gab es aus dieser verworrenen Lage ?
Der Schachklub von Petersburg
bemühte sich als erster - von Tschigorins hervorragender
Leistung angespornt -
die Lage zu klären. Er lädt das Feld der fünf Ersten von
Hastings noch im Dezember des gleichen Jahres zu
einem Matchturnier ein. Der in seinem Selbstvertrauen
erschütterte Tarrasch weicht der Einladung aus, aber die
vier anderen erklären sich sofort bereit, und so spielt jeder
mit jedem einen kleinen Wettkampf über sechs Partien.
Lasker gewann dieses Turnier mit 11,5 Punkten aus 18 Partien.
Zweiter wurde Steinitz mit 9,5, dritter Pillsbury
mit 8 und vierter Tschigorin mit 7 Punkten. Mit dieser Leistung
hatte Lasker bewiesen, daß er den Welmeister-
titel zu Recht trug. Der endgültige Beweis seiner Überlegenheit
sollte nicht lange auf sich warten lassen. Ein halbes
Jahr später wird in Nürnberg vom 20. Juli bis zum 10. August
ein großes Turnier veranstaltet, das seinem Vor-
gänger von Hastings in nichts nachsteht. Unter den Teilnehmern
befinden sich auch die "großen Fünf". Vom
Anfang bis zum Ende führt Lasker, der vor Beginn der letzten
Runde mit zwei Punkten Vorsprung nicht mehr ein-
zuholen ist. Er gewinnt das Turnier mit 13,5 Punkten.
Nach dem Triumph von Nürnberg
gibt es nun keinen Zweifel mehr, daß der achtundzwanzigjährige
junge Mann
nicht nur Weltmeister, sondern auch der stärkste Spieler der
Welt ist. Eine kleine Formalität steht allerdings noch
bevor: Er soll in einem Revangekampf gegen Steinitz seinen Titel verteidigen. Bei dem erneuten
Zusammentreffen
vom 7. November 1896 bis zum 14. Januar 1897 in Moskau steht
Lasker vor keiner schweren Aufgabe. Der sech-
zigjährige Steinitz hatte es nicht nur mit einem krafterfüllten jungen
Gegener zu tun, er hatte auch Schwierigkeiten
sich dem ungewohnten Klima anzupassen, und war obendrein von
Krankheiten geplagt. Lasker zerschmetterte
seinen Gegner völlig. Er verfügte bereits über sieben
Gewinnpunkte, ehe es Steinitz gelang, zwei Partien für sich zu
entscheiden. Dann gewann Lasker erneut die Oberhand und siegte
schließlich mit 10:2=5. Damit hatte Lasker seinen
Titel verteidigt und seine Vorherrschaft gefestigt. Jetzt war
endlich die Stunde gekommen, in der er darauf verzichten
konnte, von Turnier zu Turnier zu hetzen. Zweieinhalb Jahre zieht
er sich vom ernsthaften Spiel zurück.
Vier Jahre nach dem Weltturnier
von Hastings - im Sommer 1899 - wurde in England wiederum ein
großes Schach-
ereignis vorbereitet. Diesmal versammelten sich fünfzehn der
besten Spieler der Welt in London, um ein doppel-
rundiges Turnier auszutragen. Ungeachtet der starken Gegnerschaft
konnte Lasker einen vollständigen Triumph
feiern. Er gewann das Turnier mit 4,5 Punkten Vorsprung vor den
Zweitplazierten Janowski, Maroczy und Pillsbury.
Im folgenden Jahr wird vom 17. Mai bis zum 21. Juni anläßlich
der Pariser Weltausstellung in der französischen Haupt-
stadt ein erstklassig besetztes Turnier veranstaltet. Auch ein
vielvesprechender Neuling, der Amerikaner Frank James
Marshall, tritt auf den Plan. Er führt sich ausgezeichnet ein
und schlägt selbst den Weltmeister. Als einrundiges Turnier
war es wesentlich kürzer als das Londoner Treffen. Es stand aber
im Zeichen der Ächtung von Remispartien, die nicht
gewertet wurden und wiederholt werden mußten. Erst das Ergebis
der zweiten Begegnung wurde in die Tabelle einge-
tragen. Lasker erziehlte aus 16 gewerteten Partien 14,5 Punkte
und wurde überlegener Erster vor dem zweitplazierten
Pillsbury der auf 12,5 Punkte kam. Danach folgten Maroczy und
Marshall mit je 12 Punkten. Laskers triumphales Ab-
schneiden in London und Paris sprengte die gewohnten
Vorstellungen, erzielte er doch im ersten Turnier 82,7 Prozent,
im zweiten sogar 90,6 Prozent der möglichen Punkte.
Seine Alleinherrschaft ruhte also
auf einem soliden Fundament. Er konnte es sich daher leisten,
sich vom Schach zurück-
zuziehen, um seine mathematischen Studien fortzusetzen. Zwei
Jahre später, 1902, promovierte er an der Heidelberger
Universität zum Doktor der Mathematik und der Philosophie.
Danach schiffte er sich nach Amerika ein. Hier gab er seine
berühmt gewordene Schachzeitschrift "Lasker`s Chess
Magazine" heraus. Währen in Europa mehrere bedeutende
Turniere ohne Lasker veranstaltet wurden, widmete dieser sich in
der neuen Welt vor allem seinen mathematischen Unter-
suchungen. Diese vierjährige Spielpause wäre warscheinlich noch
länger ausgefallen, wenn sich nicht amerikanische
Schachfreunde entschlossen hätten, ein großes Turnier zu
organisieren. Vom 25. April bis zum 19. Mai 1904 traf sich
die Weltelite in Cambridge Springs. Zwar fehlten Tarrasch und
Maroczy, dafür wurde die Schachwelt aber durch die Teil-
nahme Laskers entschädigt. Die lange Schachabwesenheit machte
sich bei Lasker bemerkbar. Sieger wurde das große
amerikanische Schachtalent Marshall mit 13 Punkten aus 15
Partien. Mit je 11 Punkten belegten Janowski und Lasker den
2.-3. Platz. Nach diesem Turnier wendet sich Lasker wieder
wissenschaftlichen Problemen zu. Sieht man von kleineren
Verpflichtungen ab, folgt wieder eine dreijährige Turnierpause.
Wettkämpe mit Marshall und Tarrasch
Im Jahr 1904 gab es nicht wenige,
die für einen Weltmeisterschaftskampf zwischen Marshall und
Lasker plädierten. Laskes
materielle Ansprüche stehen jedoch der schnellen Verwirklichung
dieses Vorhabens im Weg. Bald wurde der Plan völlig
fallengelassen, da Marshall seinen großen Erfolg nicht zu
wiederholen vermochte und Ende 1905 in einem Wettkampf gegen
Tarrasch sogar eine vernichtende Niederlage in Höhe von 1:8=8
einstecken mußte. In Ostende teilte er auch nur den 8. bis
9. Platz und kam ein Jahr darauf nicht über einen 7. Rang
hinaus. Erst die zweite Hälfte des Jahres 1906 brachte die
große
Wende: Marshall gewann ungeschlagen und mit großer
Überlegenheit ein internationales Turnier in Nürnberg, wobei er
Tarrasch, der sich mit einem enttäuschenden 9.-11. Platz
begnügen mußte, weit überflügelte. Plötzlich war der
Wettkampf
mit Lasker wieder in alle Munde.
Schon Ende Januar 1907 begann das Match in New York. Da bereits
mehr als zehn Jahre seit dem letzten Zweikampf um
die Weltmeisterschaft vergangen waren, erwekte es
verständlicherweise großes Interesse. Hinzu kam,daß Lasker
nicht nur
Marshall zu bekämpfen hatte, sondern indirekt auch Tarrasch. Nur
wenige zweifelten an Laskers Sieg, desto mehr erregte
es die Gemüter, ob es ihm gelingen würde, den großen Erfolg,
den Tarrasch zwei Jahre zuvor gegen Marshall erzielt hatte,
zu überbieten. Der Wettkampf war auf acht Partien vereinbart,
also ebenso wie das Match Tarrasch-Marshall. Lasker ge-
wann die ersten drei Partien, dann folgten vier Unentschieden,
erneut ein Sieg und weitere drei Unentschieden. Tarrasch hatte
seinerzeit 17 Partien benötigt um die geforderten acht Siege zu
erringen und dabei nur eine Partie verloren. Lasker hatte in-
dessen nach 11 Partein erst vier Siege auf seinem Konto. Es
schien also gewiß zu sein, daß er länger brauchte als
Tarrasch.
Aber da raffte sich der Weltmeister im entscheidenden Augenblick
auf, gewann vier Partien hintereinander und beendete
damit den Wettkampf bereits mit der 15. Partie, ohne auch nur
eine Niederlage hingenommen zu haben !
Nach Laskers Triumph stand der
Vergleich mit Tarrasch wieder auf der Tagesordnung. Dieser hatte
zwar den Höhepunkt
seiner Laufbahn bereits überschritten, genoß aber als
Lehrmeister einer ganzen Generation von Schachspielern hohes An-
sehen und war auch als Wettkampfspieler sehr geschätzt.
Jedenfalls erblickte die öffentliche Meinung nur in ihm und in
Maroczy würdige Gegener für den Weltmeister. Lasker stellte
für die damalige Zeit ungeheure materielle Forderungen. Dem
Deutschen Schachbund gelang es schließlich, die geforderten
17500 (!) Reichsmark zu beschaffen, so daß dem Wettkampf
nichts mehr im Wege stand. Das Match, das ein beispielloses
Interesse auslöste, begann am 17. August 1908 in Düsseldorf
und wurde am 1. September mit der fünften Partie in München
fortgesetzt und dort am 30. September auch beendet. Der
vielseitige Lasker bediente sich diesmal einer völlig anderen
Spielweise als zuvor gegen Marshall. Damals hatte er den
amerikanischen Angriffskünstler sich nicht entfalten lassen,
indem er, ohne Risiken zu scheuen, selbst den Angriff anstrebte.
Tarrasch dagegen versuchte er aus der Reseve zu locken und in den
Strudel undurchsichtiger Verwicklungen zu ziehen,
fühlte sich doch der gelehrte Doktor der Schachwissenschaften
unbehaglich, sobald die strategische Lage nicht mehr über-
schaubar war. Lasker begann den Wettkampf mit zwei Gewinnpartien.
In der dritten Begegnung siegte Tarrasch, dann behielt
erneut Lasker zweimal die Oberhand. Nach neun Partien führte der
Weltmeister mit 5:1=3. Tarrasch, der in der zehnten und
zwölften Partie siegreich blieb - die elfte ging für ihn
verloren - , kam noch etwas auf, verausgabte dabei aber seine
Kräfte.
Schließlich gewann Lasker den auf acht Gewinnpartien angesetzten
Wettkampf überlegen mit 8:3=5. Er vergalt damit auch
die geringschätzige Aüßerung, die Tarrasch 16 Jahre zuvor
getan hatte, als er vom jungen Lasker herausgefordert worden
war. Die Weltmeisterwürde war also in Ehren verteidigt worden.
Nachdem Lasker im Petersburger
Turnier Anfang des Jahres 1909 sich mit Rubinstein den ersten
Platz teilte, geriet ein Jahr
später sein Weltmeistertitel zum ersten mal in ernste Gefahr.
Nachdem er Tarrasch und Marshall bezwungen hatte und Maroczy
zurückgetreten war, blieb nur noch seine Stellung gegenüber dem
Östereicher Karl Schlechter umstritten. Schlechter, der sechs
Jahre jünger war als Lasker, hatte durch viele ehenvolle
Plazierungen, vor allem aber durch vier Turniersiege (München
1900,
Ostende 1906, Wien 1908 und Prag 1908) seine Anwartschaft auf den
Weltmeistertitel nachdrücklich unterstrichen. Er galt als
Meister der umsichtigen, auf Selbstsicherheit bedachten
Verteidigung, und man fragte sich, ob Laskers psychologisches
Schach imstande wäre, ihn aus dem seelischen Gleichgewicht zu
bringen. Tatsächlich türmten sich in diesem Wettkampf vor
Lasker Schwierigkeiten auf, die alles bis dahin Gewesene
überstiegen. Schuld daran war zum Teil auch die Bedingung, daß
das
Match - im Gegensatz zu früheren Wettkämpfen um die
Weltmeisterschaft - sich nicht über acht Gewinnpartien
erstreckte,
sondern unabhängig von der Zahl der Siege nur zehn Partien
umfaßte.
So konnte es geschehen, daß der Weltmeister nach vier
kampfbetonten Remispartien in der fünften Begegnung eine Gewinn-
stellung infolge eines groben Versehens sogar noch verlor und
sich plötzlich in einer kritischen Lage befand. Mit der sechsten
Partie wurde der in Wien begonnene Wettkampf in Berlin
fortgesetzt. Lasker erreichte nun mehrmals vorteilhafte
Stellungen,
aber was half das alles ? Der unglaublich zähe Schlechter fand
immer wieder irgendeine Verteidigung. So kam die letzte Partie
heran, und der Herausforderer führte mit 1:0=8 !
In der letzten alles entscheidenden Partei ließ Lasker alle
Minen springen. Seine tollkühne Spielführung übersteigt alle
Grenzen.
Sie soll den übervorsichtigen, fast leidenschafslosen Gegner in
Versuchung führen und ihm einen Anreiz geben, die Weltmeister-
schaft mit zwei Punkten Vorsprung gewinnen zu wollen. Das Wunder
geschieht: Der österreichische Großmeister wird vom
Fieber des Kampfes gepackt, bricht alle Brücken hinter sich ab
und stürzt sich in halsbrecherische Vewicklungen. Durch diesen
schwer erkämpften Sieg in der letzten Partie vermocht Lasker den
Wettkampf gerade noch unentschieden zu gestalten: 1:1=8.
Er blieb also Weltmeister, aber sein Nimbus hatte an Glanz
eingebüßt. Es war das erste mal seit anderthalb Jahrzehnten,
daß
Lasker in Gefahr war, entthront zu werden.
Im Mai 1909 fand ein
Vergleichskampf über vier Partien zwischen Lasker und Janowski
statt. Lasker gewann die erste Partie,
aber dann blieb Janowski zweimal siegreich, so daß sich der
Weltmeister in der letzten Begegnung sehr anstrengen mußte, um
den Ausgleich zu erzielen. Janowskis Erfolg versetzte dessen
Mäzen Pierre Nardus derart in Begeisterung, daß er noch im
Oktober des gleichen Jahres einen zweiten Wettkampf - diesmal
über zehn Patien - finanzierte. Doch Lasker, der sich auf seinen
Gegner eingestellt hatte, siegte eindeutig mit 7:1=2. Da aber
Janowski in vielen Partien "auf Gewinn" gestanden
hatte, gab Nardus
keine Ruhe und organisierte zusammen mit der Berliner
Schachgesellschaft im Herbst 1910 ein Match um die Weltmeister-
schaft. Sieger sollte sein, wer zuerst acht Partien gewonnen
hatte. Lasker ließ seinem Gegner keine Chance: Ohne auch nur
eine
Partie zu verlieren, verteidigte er seinen Titel unangefochten
mit dem Ergebnis 8:0=3. Über diesen Zusammenbruch schrieb der
Schachschriftsteller Marco: "Es war das abwechlungsreichste
Match der Welt, an einem Tag gewann Weiß, am anderen
Schwarz."
Im nächsten Jahr nahm der
dreiundvierzigjährige Weltmeister die Schriftstellerin Martha
Marco zur Frau, und beteiligte sich die
nächsten drei Jahre an keinem Turnier mehr. In dieser Zeit
arbeitete er an einem philosophischen Werk. Inzwischen wurde ein
bedeutendes Turnier nach dem anderen veranstaltet. Schlechter
trägt 1910/11 drei erste Preise davon, Rubinstein wird 1912
dreimal Erster. In Amerika steigt ein neuer Schachstern empor: Capablanca. Hat sich das Kräfteverhältnis etwa geändert ? Vom
21.April bis zum 22.Mai 1914 fand in Petersburg ein hochklassig
besetztes Großmeisterturnier statt. Lasker schaffte es nach
hartem Kampf den ersten Platz zu erreichen, und dabei seinen
härtesten Konkurrenten Capablanca hinter sich zu lassen. Der
End-
stand: 1. Lasker 13,5 Punkte, 2. Capablanca 13 Punkte, 3. Aljechin 10 Punkte, 4. Tarrasch 8,5 Punkte, 5. Marshall 8
Punkte.
Laskers Erfolg wurde ohne jeden Vorbehalt anerkannt. Selbst
Tarrasch, der den Weltmeister oft kritisiert hatte, schrieb:
"Lasker
hat für seine Mitwirkung am Turnier vom Komitee eine Riesensumme
erhalten: über 4000 Rubel. Ich finde das nicht zu hoch,
wenn man solche Partien spielt !" Man hätte sich sicher
noch lange mit dem Turnier und mit Laskers Triumph beschäftigt,
stände
nicht der Krieg vor der Tür. Sein Ausbruch brachte das gesamte
Schachleben zum Erliegen.
In den ersten Jahren des
Weltkrieges lebte Lasker sehr zurückgezogen. Als aber Tarrasch
einen Wettkampf gegen Mieses gewann,
tauchte der Gedanke auf, die beiden alten Rivalen zu einem
Ravangekampf zusammenzuführen. Die erste Partie des in Berlin
aus-
getragenen Matches endete unentschieden, dann errang Lasker
jedoch fünf Siege hintereinander und behielt damit noch
eindeutiger
die Oberhand als acht Jahre zuvor gegen denselben Gegner. Im
letzten Kriegsjahr gewann Lasker ein doppelrundiges Viermeister-
turnier, das anläßlich seines 50. Geburtstages veranstaltet
wurde.
Nach Beendigung des Krieges herrschte in einigen Siegerländer
die Meinung vor, daß ein "besiegter Deutscher" nicht
Schachwelt-
meister sein dürfte. Dieser Auffassung trat der chancenreichste
Thronbewerber, der Kubaner Capablanca, entgegen, indem er
den Weltmeister zu einem Wettkampf herausforderte. Lasker, der
sich in dieser Zeit in einer seelischen Krise befand, nahm die
Herausforderung aber nicht an. Er war sogar geneigt, seinem Titel
zu entsagen und ihn kampflos auf den zwanzig Jahre jüngeren
Rivalen zu übertragen. Capablanca und seine Anhänger
waren jedoch mit einer solchen unbefriedigen Lösung nicht
einverstanden.
Sie brachten einen Preisfonds von 20000 Dollar für den Kampf um
dieWeltmeisterschaft auf. Von diesem für schachliche Verhält-
nisse ungeheuren Betrag wurde Lasker auch für den Fall seiner
Niederlage ein Honorar von 11000 Dollar zugesichert. Der sich in
materiellen Schwierigkeiten befindende Weltmeister konnte der
Versuchung nicht widerstehen. Er begab sich an Bord eines
Dampfers und fuhr nach Kuba. Im März 1921 begann der Wettkampf
in Havanna. Aber der drückenden Hitze, die um diese Jahres-
zeit herrschte, war der 53jährige Lasker nicht gewachsen. Sein
früher so oft bewunderte Leistungswille ließ ihn im Stich. Nach
vier hart umkämpften Remispartien verlor er die fünfte Partie,
dann folgten wieder vier Remisen und eine weitere Niederlage.
Mehrmals verdarb Lasker aussichtsreiche Stellungen, und seine
Verlustpartien ließen bereits Zeichen von Erschöpfung erkennen.
Nach zwei weiteren Unentschieden gewann Capablanca die dreizehnte und vierzehnte Partie, so daß der
Wettkampf bereits
4:0=10 zu seinen Gunsten stand. Da bat Lasker darum, den Kampf in
einer Gegend mit gemäßigterem Klima, etwa in New York
oder Philadelphia, fortzusetzen. Capablanca lehnte diesen
Vorschlag ab, worauf Lasker - sich auf seinen erschütterten
Gesund-
heitszustand berufend - den ursprünglich auf dreißig Partien
festgesetzten Wettkampf aufgab und sich für besiegt erklärte.
Er kehrte unverzüglich nach Europa zurück und begab sich in
ärztliche Pflege. Bevor seine Gesundheit völlig
wiederhergestellt
war, vergingen jedoch Monate. Nachdem Lasker im Juli 1923 ein
Turnier in Mährisch-Ostrau mit einem Punkt Vorsprung vor
Reti gewinnen konnte, kam es vom 15.März bis zum 19.April 1924
in New York zu einem doppelrundigen Großmeisterturnier.
Es sollte das erste Aufeinandertreffen des Exweltmeisters mit Capablanca nach seinem verlorenen Wettkampf sein. Das erste
Viertel des Turniers brachte eine gewaltige Überraschung, als
der für unbesiegbar geltende Capablanca in der fünften
Runde
gegen Reti verlor. Da der Weltmeister obendrein ziemlich oft
remis spielte, lag der sich hervorragend schlagende Lasker nach
der Beendigung des ersten Turnus mit 7,5 Punkten aus 10 Partien
an der Spitze. Ihm folgte Aljechin mit 6,5 Punkten. Erst
dann
teilte Capalanca mit Reti zusammen den dritten und vierten Platz. Beide
hatten 6 Punkte auf ihrem Konto. Im zweiten Umgang
kam es zu einem spannenden Rennen zwischen den beiden Titanen. Da
sich Lasker in der vierzehnten Runde gegen Capablanca
geschlagen bekennen mußte, verringerte sich sein Vorsprung. Von
den folgenden sieben Partien gewann Capablanca fünf und
remisierte zweimal, doch diese ausgezeichnete Leistung erwies
sich als ungenügend, da Lasker in der gleichen Zeit sogar 6,5
Punkte (!) zu erzielen vermochte. Das Schlußergebnis lautete:
1.Lasker 16 | |
2.Capablanca 14,5 | |
3.Aljechin 12 | |
4.Marshall 11 | |
5.Reti 10,5 | |
6.Maroczy 10 | |
7.Bogoljubow 9,5 | |
8.Tartakower 8 | |
9.Yates 7 | |
10.Eduard Lasker 6,5 (Nicht verwandt mit dem Exweltmeister) | |
11.Janowski 5 |
Laskers Triumph wirft die Frage
nach einem Revangekampf um die Weltmeisterschaft auf. Lasker
wäre nicht abgeneigt, aber er
übereilt nicht und wartet einfach ab, wie sich die Dinge
entwickeln. Schon im folgenden Jahr bietet sich ihm die
Möglichkeit zu
einem neuerlichen Vergleich mit Capablanca. Gegen Ende des
Jahres 1925 findet zum ersten mal ein internationales
Schachturnier
in der Sowjetunion statt. Elf ausländische Gäste werden
eingeladen, die mit zehn sowjetischen Meistern ihre Kräfte
messen sollten.
Das große Turnier endet mit dem Sieg Bogoljubows, der im
gleichen Jahr schon vier erste Preise davongetragen hat. Lasker
spielt
ebenfalls ausgezeichnet, fällt aber in der zweiten Hälfte des
Turniers etwas zurück. Dennoch wird er Zweiter und plaziert sich
damit erneut vor Capablanca, der mit dem dritten Rang vorliebnehmen muß.
Capablancas Position war zweifellos erschüttert, aber
die zentrale Frage lautet nicht mehr: Capablanca oder Lasker ? Die
junge Meistergeneration meldet ihre Ansprüche an und vor
allem Aljechin und Bogoljubow gelten als aussichtsreichste
Thronanwärter.
Zwei Jahre später findet in New York erneut ein "Turnier
der Besten" statt. Sein Ergebnis - Capablanca siegt mit großem Vorsprung -
könnte als Rehabilitierung des Weltmeisters ausgelegt werden.
Jedoch wurden zur großen Bestürzung der Schachwelt weder Lasker
noch Bogoljubow noch Reti eingeladen. Es fehlten also gerade
diejenigen, die Capablanca in bedeutenden Turnieren hinter sich
gelassen oder ihn in Einzelpartien geschlagen hatten. Später
stellte sich heraus, daß Lasker zum Beispiel keine Einladung
erhielt,
weil er wärend des New Yorker Turniers 1924 den Turnierleiter
Lederer scharf kritisiert hatte. Dieser verübelte ihm das und
revan-
chierte sich auf diese Weise. Er hoffte damit Lasker empfindlich
zu treffen, den Schaden hatte jedoch die gesamte Schachwelt, die
sich in ihren Erwartungen betrogen sah.
Ruheloser Lebensabend
Was Lasker noch bevorsteht, stimmt
wehmütig, auch wenn es vom Glanz des Erfolges überstrahlt wird.
Nach der Machtergreifung
durch Hitler muß er Deutschland verlassen und in die Emigration
gehen. Plötzlich ist er heimatlos und arm. In dem für ihn so
schick-
salhaften Lebensabschnitt wendet er sich wieder dem Schach zu,
dem er beinahe ein Jahrzehnt entsagt hatte. Die Züricher Schach-
gesellschaft veranstaltet vom 14. bis 28. Juli 1934 ein großes
Turnier. Unter den sechzehn Teilnehmern befinden sich Aljechin, der
seit 1927 Weltmeister ist, der Weltmeisterschaftsanwärter Euwe -
aber auch der 65jährige Exweltmeister Lasker. Schon in der
erster
Runde treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander: Lasker
mißt sich mit dem 33jährigen Euwe. Jedermann glaubt an
einen
leichten Sieg des Jüngeren, aber nicht nur der äußere Verlauf,
sondern auch der innere Gehalt der Partie übertreffen alle
Erwartungen.
Der anfänglichen Initiative des Eröffnungstheoretikers Euwe
hält Laskers tiefgründige Verteidigung stand. Später, im
Mittelspiel, hat
eher Euwe um den Ausgleich zu kämpfen. Infolge der sich
unerwatet vor ihm auftürmenden Schwierigkeiten wird der
holländische
Großmeister nervös. Ein unüberlegter Zug stürzt ihn ins
Verderben. Lasker bringt ein positionelles Damenopfer, dringt mit
seinen
Türmen ins gegnerische Lager ein und beschließt die dramatische
Partei mit einem Mattangriff.
Die neunjährige Pause war an Lasker jedoch nicht spurlos
vorübergegangen, und auch sein hohes Alter beeinträchtigte sein
Spiel.
Er erlitt vier Niederlagen (gegen Aljechin, Bogoljubow,
Stahlberg und Nimzowitsch), belegte aber mit neun Siegen und nur
zwei Remis-
partien immerhin noch den fünften Platz. Aus heutiger Sicht ist
unbestreitbar, daß Lasker allein dank dem praktischen Training
im
Züricher Turnier zu jener wunderbaren Kraftentfaltung fähig
war, mit der er im folgenden Jahr die Schachwelt in Erstaunen
versetzen
sollte. In Moskau wurde nämlich vom 15. Februar bis zum 14.
März 1935 ein weiteres erstklassiges Turnier veranstaltet, uns
Lasker,
der 67jährige Lasker, erkämpfte ungeschlagen den dritten Platz
! Sein Erfolg war auch deßhalb so wertvoll, weil er seinen alten
Rivalen Capablanca erneut hinter sich ließ und ihn obendrein zu besiegen
vermochte. Das Moskauer Turnier endete mit einem ge-
teilten Sieg von Botwinnik und Flohr; beide erzielten je 13. Punkte. Mit 12,5
Punkten belegte Lasker den 3. und Capablanca mit 12.
Punkten den 4. Platz.
Der fast Siebzigjährige muß
schließlich aber doch dem Alter seinen Tribut zollen. Als im
nächsten Jahr vom 14. Mai bis zum 8. Juni
1936 in Moskau ein doppelrundiges internationales Turnier mit
zehn Teilnehmern ausgetragen wird, teilt Lasker nach dem ersten
Um-
gang mit Botwinnik und Ragosin zusammen den 2.-4. Platz, doch dann
ermüdet er und fällt zurück. Mit act Punkten aus achtzehn
Partien muß er sich mit dem 6. Rang begnügen, hinter Capablanca, Botwinnik, Flohr, Lilienthal und Ragosin, aber noch vor Kan,
Löwenfisch, Rjumin und Eliskases.
Dann folgt Laskers letztes
Turnier. Es findet vom 10. bis 28. August 1936 in Nottingham
statt. Zu den fünfzehn Teilnehmern gehören
Weltmeister Euwe und die drei Exweltmeister Lasker, Capablanca und Aljechin. Lasker nimmt einen ehrenvollen 7.-8. Rang ein, nur
anderthalb Punkte von den beiden Ersten getrennt. Der Endstand
beweist, daß er immer noch zu den zehn besten Spielern der Welt
zählt: 1.-2. Botwinnik und Capablanca je 10, 3.-5. Euwe, Fine und Reshevski je 9,5, 6.Aljechin 9, 7.-8. Flohr und Lasker je 8,5,
9. Vidmar 6, 10.-11. Bogoljubow und Tartakower je 5,5, 12. Tylor
4,5, 13. Alexander 3,5, 14. Thomas 3, 15. Winter 2,5 Punkte.
Laskers Pläne, an weiteren Turnieren teilzunehmen, zerschlugen
sich. So blieb es dabei, daß seine ruhmvolle Laufbahn in
Nottingham
ihren Abschluß fand.

Nach seinem Abschied vom
Turnierspiel hält Lasker nichts mehr in Europa zurück. Er sucht
noch einmal die Orte auf, die seiner
Erinnerung kostbar sind - Deutschland muß er dabei allerdings
meiden. Als sich die Lage in Europa weiter zuspitzt, begibt er
sich
mit seiner Frau nach Amerika. Noch immer gibt der siebzigjährige
Simultanvorstellungen, hält er Vorträge, spielt er Schnell- und
Blindpartien - seine Lebensumstände zwingen ihn dazu. Im Winter
1939/40 leitet Lasker eine Schachhochschule in New York.
Während einer Vorlesung erleidet er plötzlich einen
Schwächeanfall. Seine Gesundheit ist zerrüttet. Lasker will der
bitteren Wahr-
heit nicht ins Auge sehen, seine kämpferische Natur sträubt
sich dagegen - aber diesmal unterliegt er einem Stärkeren.
Seinen
72. Geburtstag feiert er am 24. Dezember 1940 im Kreis seiner
Freunde, aber das Ende ist schon nahe. Der letzten Tage gedenkt
Frau Martha Lasker mit den Worten: "Am folgenden Tag
besuchten ihn Reuben Fine und dessen Frau zum letztenmal. Er
konnte
ihnen nur noch mit der Hand zuwinken. Als Fine gegangen war,
hörte ich Emanuel die Worte wispern: "König des Schachs
..."
Es waren die letzten Worte, die ich aus seinem Munde vernommen
habe. 13. Januar 1941: An diesem Tage ist ein heller Stern
erloschen, der die Menschenkinder bereichert und die Welt
schöner gemacht hat. Mir ward das große Glück zuteil,
mitzuwandern
den Weg dieses Sterns. Ich kann euch allen nur sagen: Ihr habt
einen großen Schatz verloren, ich aber habe alles verloren ..."
Laskers Schachliches Erbe
Laskers Bedeutung besteht nicht
ausschließlich darin, daß er der größte Turnierspieler war,
der je gelebt hat. Als er seine Laufbahn
begann, herrschte bereits die Lehre von Steinitz vor. Beinahe alle Meister huldigten ihr, und auch
Lasker geriet in ihren Bann. Bald
war er der hervorragenste Repräsentant der Steinitzschen Schule,
doch er wuchs über sie hinaus. Dennoch begründete Lasker keine
neue Richtung, denn er war mehr praktischer Spieler als
Theoretiker. Gerade sein Praktizismus bewahrte ihn davor, den
Überspitz-
ungen und Dogmen der Steinitzschen Lehre zu verfallen. Lasker hat
das Wesen seiner Lehre ergründet und alles Wertvolle und Lebens-
fähige übernommen, er befreite sie aber zugleich von
überflüssigem Ballast. Darum sind seine Partien der Schlüssel
zum Verständnis
des unverfälschten Lebenswerks von Steinitz.
Lasker war auch schachliterarisch sehr produktiv und erfolgreich.
Über das von ihm verfaßte Turnierbuch von Petersburg 1909
äußerte
sich Aljechin: "Ich habe jeden Gedanken, den Lasker darin
ausgedrückt hat, intensiv studiert, und Tag und Nacht habe ich
das Buch
bei mir getragen. Die Idee der Schachkunst ist undenkbar ohne
Emanuel Lasker."
Eines der bedeutensten Bücher über Schach ist sein "Lehrbuch
des Schachspiels".
In diesem Werk spürt Lasker den schachlichen
Einsichten und Erkenntnissen vieler Generationen nach und
erweitert sie zu einem schachphilisophischen System. Nirgendwo
ist das
Lebenswerk seines Vorgängers Steinitz so eindringlich und
einfühlsam gewürdigt worden wie gerade in diesem Lehrbuch.
Dennoch
liegt Laskers Hauptbedeutung weder in seinen praktischen noch in
seinen literarischen Leistungen. Sein eigentlicher,
unverwechselbarer
Verdienst besteht in der Bedeutung des Schachspiels als Kampf. Er
hat den Begriff des Schachkampfes mit neuem Leben erfüllt.
Während Steinitz sich ausschließlich auf das Brett konzentrierte und
danach trachtete, in das Geheimnis der Stellung einzudringen, um
den besten Zug aufzuspüren, beschritt Lasker einen ganz anderen
Weg. Er verschloß sich nicht der Erkenntnis, daß der
Schachkampf
sich nicht im Zusammenprall zweier Heere erschöpft, sondern vor
allem das Ringen zweier Geisteswelten ist. Als erster erkannte
er, daß
man nicht nur die objektiven Schwächen in der gegnerischen
Stellung, sondern auch die subjektiven Schwächen des Gegners
selbst
auszunutzen vermag. Daraus leitete Lasker sein heute allgemein
bekanntes und anerkanntes Prinzip ab, daß der für den
jeweiligen Gegner
unangenehmste Zug zugleich auch der stärkste Zug ist. Bevorzugt
der Gegner den Angriff und scheut die Verteidigung, dann
empfiehlt
es sich, ihn anzugreifen und in die Defensive zu drängen.
Umgekehrt, verteidigt er sich gerne, dann ist es ratsam, ihm dem
Angriff zu
überlassen ! Diese Kampfmethode konnte Lasker nur ersinnen, weil
er vielseitig genug war, sie mit Erfolg anzuwenden. Sein Beispiel
lehrt uns, daß die bewußte Arbeit an der Vielseitigkeit des
Stils zu den wichtigste Aufgaben des modernen Turnierspielers
gehört.
Lasker bemühte sich in seinen Partien immer wieder die
Schwächen seiner Gegner bloßzulegen, was ihm in den meisten
Fällen auch
gelang. Nur so - und nicht durch irgendwelche Zauberei - ist es
zu erklären, daß viele gegen ihn befangen, ja sogar auffallend
schwach
spielten. Wenn Lasker sich auf ein Turnier vorbereitete,
interessierte er sich erst in zweiter Linie für die von seinen
voraussichtlichen
Gegnern bevorzugten Eröffnungssysteme - weit wichtiger war ihm
herauszufinden, welcher Stil einem bestimmten Gegner am wenigsten
behagte, für welche Art von Fehlern er am anfälligsten war.
Der Weg, den Lasker als Vorläufer und bedeutenster Repräsentant
einer neuen Auffassung vom Schachkampf gewiesen hat, gilt es,
bis zum Ende zu verfolgen. Die heutige Generation kann sich dabei
auf ihren Lehrmeister Lasker stützen, dessen Schachkunst,
solange
Schach gespielt wird, stetes Vorbild und Ansporn sein wird.
Hier noch ein Link zur
Lasker-Gesellschaft:
www.lasker-gesellschaft.de