Alexander Aljechin
1927 - 1935
1937 - 1946

"Aljechin  war  ein Spieler  von Urgewalt, er war
mehr als ein Spieler: Er brannte in seinem Schach-
ehrgeiz und in seinem Spiel."
(Milan Vidmar)

Alexander Alexandrowitsch Aljechin wurde am 1. November 1892 in Moskau geboren. Mit sieben Jahren
erlernte er das Schachspiel. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten offenbarten sich  frühzeitig. Mit  acht
Jahren schrieb er seine Partien nieder und analysierte sie. Die kindlichen Anmerkungen zeugten bereits von
selbstständigen Denken. Sobald er die Erlaubnis erhielt einem Klub beizutreten, bemühte er sich, im Spiel
mit stärkeren Gegnern dazuzulernen. Er wollte so schnell wie möglich an einem Einzelturnier teilnehmen. Als
er fünfzehn Jahre alt war, erhielt er die Gelegenheit dazu, und zwar im Frühjahrsturnier des Moskauer Schach-
klubs. Die erste Etappe in Aljechins Entwicklung ist durch eine Hinwendung zum Kombinationsspiel gekenn-
zeichnet. Aljechin schätzte den künstlerischen Gehalt einer Partie stets höher als das Ergebnis. Er begegnete
jenen mit Verachtung, die im Schach nur den Parteigewinn nachjagten. Seine Bestrebungen gingen dahin,
das Schach in die Reihe der anderen Künste emporzuheben.
Die ersten Erfolge spornten ihn an, so daß sich seine Spielstärke ständig verbesserte. In Düsseldorf teilte er
1908 im Hauptturnier den vierten und fünften Platz. Im folgenden Jahr trug er in einem gesamtrussischen
Amateurturnier den ersten Preis davon und errang damit den Meistertitel. Nach den Düsseldorfer Turnier be-
siegte Aljechin in einem kleinen Wettkampf Bardeleben mit 4:0=1. Sobald Aljechin das Gymnasium absol-
viert hatte, ließ er sich in die juristische Fakultät der Petersburger Universität einschreiben. Das Schachleben
war in Petersburg viel reger als in Moskau - sehr zur Freude Aljechins. 1910 beteiligte er sich am Hamburger
Turnier, mußte sich aber mit den 7.-8. Platz begnügen. Ein Jahr darauf spielte er in Karlsbad. Das Resultat ein
8.-11. Platz war wiederum nicht überragend, aber die Kritik fiel günstig aus und befriedigte seine Gönner.
Aljechins erster internationale Erfolg war sein Turniersieg in Stockholm 1912. Er siegte mit anderthalb Punkten
Vorsprung. Sein erster Preis im Scheveninger Turnier des darauffolgenden Jahres bildete schon keine Über-
raschung mehr. Auch in Petersburger Turnieren sicherte er sich gut Plazierungen. 1912 wurde er Erster und
ein Jahr später teilte er in einem Viererturnier den ersten und zweiten Platz.

Das erste große Turnier

Der Petersburger Schachklub wollte den zehnten Jahrestag seines Bestehens mit der Veranstaltung eines inter-
nationalen Großmeisterturniers festlich begehen. Zunächst kämpften elf Spieler in einem Ausscheidungskampf
um die fünf vorderen Plätze. Dann entschied ein doppelrundigen Turnier dieser ersten Fünf über die endgültige
Reihenfolge. Im Vorturnier erzielten
Capablanca 8, Lasker und Tarrasch je 6,5 Aljechin und Marshall je 6 Punkte.
Das Turnier wurde überall mit großem Interesse verfolgt, zumal das Zusammentreffen von Weltmeister
Lasker
mit seinen stärksten Rivalen im Zeichen einer bedeutsamen Vereinbarung stand. Die damals mächtigsten Schach-
organisationen waren übereingekommen, den Sieger des Turniers -
Lasker natürlich ausgenommen - als Welt-
meisterschaftsanwärter anzuerkennen. Laut Ausschreibung wurden die im Vorturnier erzielten Punkte zum Resul-
tat des Entscheidungskampfes hinzugezählt. Im Finale wurde alles auf den Kopf gestellt.
Lasker holte seinen
Rückstand auf und überflügelte
Capablanca sogar noch. Auch Aljechin hielt sich ansprechend und schnitt besser
ab als Tarrasch und Marshall, so daß er schließlich noch den dritten Platz zu belegen vermochte.
Das im Juli 1914 beginnende internationale Turnier in Mannheim wurde nicht beendet, denn der Weltkrieg brach
aus. Nach der elften Rund führte Aljechin mit 9,5 Punkten vor Vidmar 8,5 Spielmann 8 Breyer, Marshall und
Reti je 7 Punkte. Aljechin und andere russische Spieler wurden interniert.

Nach dem Krieg beteiligte er sich an der Meisterschaft von Moskau und wurde ungeschlagen Erster. Auch im
folgenden Jahr trug er ohne Verlustpartie im Allrussischen Meisterturnier 1920 den ersten Preis davon. Die nach
sechsjähriger Turnierpause erzielten Erfolge entfachten Aljechins Begeisterung erneut. Er bekam wieder Lust um
die Weltmeisterschaft zu kämpfen. Nach Capablancas Sieg über
Lasker forderte Aljechin den neuen Weltmeister
zu einem Wettkampf heraus.
Capablanca berief sich aber auf frühere Verpflichtungen und sagte, er wolle erst
diesen Verbindlichkeiten nachkommen. Um wieder in Übung zu kommen, beteiligte sich Aljechin in den nächsten
sechs Jahren - von 1921 bis 1927- an 22 Turnieren. Dank seiner aufsehenerregenden Erfolge wuchs sein Ansehen
beträchtlich. Die öffentliche Meinung der Schachwelt sah in ihm einen würdigen Rivalen des Weltmeisters, und
auch
Capablanca wurde allmählich gezwungen, die Herausforderung Aljechins zur Kenntnis zu nehmen. Der Wett-
kampf kam aber erst 1927 zustande.

Die Entthronung des "Unbesiegbaren"

Seit 1921 war der kubanische Weltmeister zwar nicht oft in die Schranken getreten, aber er hatte in London 1922
und in New York 1927 seinen Gegnern kaum einige Remis gegönnt und während seiner Herrschaft in fünf
Turnieren nur drei von insgesamt 84 Partien verloren. Das hatte ihm den Nimbus der Unbesiegbarkeit eingetragen.
Aljechin hatte bis dahin
Capablanca noch kein einziges mal zu bezwingen vermocht. Doch die peinlich genaue
Untersuchung aller von
Capablanca im Zeitraum von 1922 bis 1927 gespielten Partien bewies, daß dessen "Unbe-
siegbarkeit" ins Reich der Fabel gehörte. Endlich stand die letzte Kraftprobe bevor, das Turnier in New York 1927
Aljechin mußte sich bei dieser "Generalprobe" mit dem zweiten Platz hinter
Capablanca zufriedengeben. Laut
Turnierausschreibung erwarb er damit zwar das Recht, den Weltmeister herausfordern zu dürfen, dennoch bedeutete
es einen Mißerfolg, daß er seinen großen Rivalen erneut nicht zu bezwingen vermochte und ihm den ersten Platz
überlassen mußte.
Allmählich nahm Aljechins Wettkampftaktik feste Umrisse an. Er entschloß sich den Vereinfachungsbestrebungen
des Kubaners nicht auszuweichen, doch dabei durch unscheinbare Schwächungen der gegnerischen Stellung seine
eigenen Endspielaussichten zu verbessern. Der mit großer Ungeduld erwartete Wettkampf begann am 16.September
1927 in Buenos Aires. Die meisten Fachleute rechneten mit einem sicheren Sieg von
Capablanca. Capablanca
selbst erklärte gegenüber einer argentinischen Zeitung, daß ein Wunder dazu gehöre, ihn zu bezwingen. Das Ergeb-
nis der ersten Partie schlug ein wie eine Bombe. Aljechin hatte den Weltmeister - noch dazu mit den schwarzen
Steinen - zum ersten mal niedergerungen. Diese Niederlage in der ersten Partie erschütterte Capablancas Selbst-
vertrauen nicht im geringsten, denn er gewann die 3. und 7. Partie. Mit der elften Partie konnte jedoch der Heraus-
forderer das Match ausgleichen.
Capablanca war beeindruckt, mußte aber eine noch größere Enttäuschung hin-
nehmen, als er auch in der 12. Partie unterlag. Von neuem entbrannte der Kampf. Neun Remispartien folgten aufein-
ander, in denen sich Capblanca abmühte, das Spiel zu verflachen. Er wollte seinen Gegner aus der Fassung bringen
und ihn zu gewaltsamen Aktionen hinreißen. Doch Aljechin blieb Herr seiner Nerven. Schließlich wurde seine Ge-
duld belohnt. In der 21. Partie nutzte er einige kleinere positionelle Ungenauigkeiten geschickt aus und siegte in
glänzendem Stil. Der neuerliche Erfolg des Herausforderers brachte den Weltmeister aus dem Gleichgewicht, aber
er steckte nicht auf und wehrte sich erbittert. Die nächsten sieben Partien endeten Unentschieden, bis es
Capablanca
durch einen Sieg endlich gelang, den Wettkampf wieder offen zu gestalten. Die Ruhe vor den Sturm prägte die
folgenden zwei Begegnungen; sie endeten remis. Dann nahte überraschend schnell das Ende. Capablancas Wider-
stand erlahmte in der 32. Partie. In der folgenden Partie fand er als Anziehender nicht mehr die Kraft, seinem
Schicksal die Stirn zu bieten. Und tatsächlich, mit der 34. Partie ging der Kampf der Titanen zu Ende: Aljechin
eroberte im 26. Zug einen Bauern und verwirklichte seinen materiellen Vorteil dank genauem Spiel im 82. Zug.
Damit hatte Aljechin das gewaltige Ringen mit 6:3=25 für sich entschieden.
Capablanca vermochte sich nicht mit
seiner Niederlage abzufinden; er trug schwerer daran als seine Vorgänger. Als Anderssen seinerzeit gegen Morphy
verlor, erfüllte ihn das Spiel seines Bezwingers mit aufrichtiger Bewunderung. Nie hat er sein Scheitern als Schande
empfunden. Im Gegenteil ! Er faßte frischen Mut und rüstete sich für neue Kämpfe.
Steinitz traf der Verlust der
Weltmeisterschaft hart. Aber nicht der Mißerfolg, sondern die Erkenntnis, daß er dem Alter Tribut zollen mußte
und die nachlassende Spannkraft nicht durch leidenschaftlichen Siegeswillen zu ersetzen vermochte, trieb ihn in den
Wahnsinn.
Lasker entsagte dem Schachthron mit philisophischem Gleichmut. Als er wieder Kräfte gesammelt hatte,
erteilte er den jüngeren Meistern noch manch eine Lektion. Anders
Capablanca; er wartete nicht ab, bis sein
seelisches Gleichgewicht wieder hergestellt war. Seine unsachliche Äußerungen gegenüber der "New York Times"
konnte der Fachwelt nur ein Lächeln abnötigen.
Alle Augen waren auf den neuen Weltmeister gerichtet. Nachdem dieser sein Ziel erreicht hatte und von der Bürde
der Vorbereitung auf den verantwortungsvollen Wettkampf befreit war, fragte man sich allgemein, welche neuen
Erfolge er erringen und wie es um den künstlerischen Gehalt seiner künftigen Partien bestellt sein würde.

Eines Weltmeisters würdige Siege

Nach seinem Triumph zog sich Aljechin für kurze Zeit vom Turnierschach zurück. In die Internationale Arena
kehrte er 1929 wieder zurück. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern wollte er nicht in einem Elfenbeinturn leben
und ergriff daher jede Gelegenheit zum öffentlichen Auftreten. Simultanspiele, Vorträge und Demonstrations-
partien ohne Zahl beanspruchten seinen Zeit zwischen den verschiedenen Turnieren. In Bradley-Beach 1929,
San Remo 1930 und Bled 1931 wurde er jedes Mal Erster, ohne überhaupt eine Partie zu verlieren! Als Mitglied
der französische Mannschaft gab er bei der Hamburger Schacholympiade am ersten Brett nicht einen halben
Punkt ab. Erfolge über Erfolge also und alle in beeindruckendem Stil ! In San Remo spielte er in fünfzehn
Partien nur zweimal Remis und ließ den zweitplazierten Nimzowitsch 3,5 Punkte hinter sich. Im Großmeister-
turnier zu Bled hatte er einen Vorsprung von 5,5 Punkten vor dem Feld. Sieht man von dem Wettkampf mit
Bogoljubow ab, so verlor Aljechin in diesen Jahren lediglich eine Partie auf der Prager Schacholympiade, wo er
übrigens mit dem Ergebnis 10:1=7 ebenfalls ausgezeichnet abschnitt.
In dieser Zeit hatte Bogoljubow durch mehrere ausgezeichnete Leistungen auf sich aufmerksam gemacht. Das
bewog deutsche Schachkreise - nachdem Aljechin eingewilligt hatte - einen Wettkampf um die Weltmeisterschaft
zu organisieren. Bald stellte sich jedoch heraus, daß der Optimismus Bogoljubows und seiner deutschen
Anhängerschaft nicht ausreichend begründet war. Aljechin siegte leicht mit 11:5=9. Die Überlegenheit des Welt-
meisters überzeugte jeden, aber nicht seinen Gegner. Dieser versuchte darum nach fünf Jahren erneut sein Glück.
Auch diesmal vereitelte Aljechin das Vorhaben des Herausforderers überzeugend und verteidigte seinen Titel
mit 8:3=15.

Verlust des Weltmeistertitels

Auch in den folgenden Jahren erzielte Aljechin viele Turniererfolge. In London, Bern und Pasadena erkämpfte
er 1932 weitere Siege. In Mexico City teilte er mit Kashdan den ersten und zweiten Platz ohne Partieverlust.
In Paris 1933 wurde er wiederum Erster, in Hastings belegte er den zweiten bis dritten Rang. In diesem Jahr
verlor er von 34 Partien nur zwei. Nach großartigem Spiel siegte er im Züricher Turnier 1934 und verteidigte
in demselben Jahr in überlegener Manier seinen Weltmeistertitel gegen Bogoljubow. Dann errang er in Örebro
1935 ungeschlagen den ersten Platz und blieb auf der Warschauer Schacholympiade abermals ohne Partieverlust,
wobei er am ersten Brett mit 7:0=10 zu überzeugen wußte.
Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn geriet Aljechin in eine seelische Krise. Seine ungesunde Lebensweise - er
hatte angefangen stark zu rauchen und glaubte, seine erschöpfte Phantasie durch Alkohol anregen zu können -
zerrüttete seine Nerven vollends. Er bereitete sich auf den im Herbst 1935 vereinbarten Weltmeisterschaftskampf
mit
Euwe nur ungenügend vor und beging den verhängnisvollen Fehler, den Gegner zu unterschätzen. Der Wett-
kampf endete mit einer Sensation, die im Licht der Tatsachen keine war: Aljechin unterlag. Statt sich auf seine
gewaltige Kampfkraft zu besinnen, hatte er abergläubischem Hokuspokus vertraut. Eine siamesische Katze,
Caissa genannt, lag während der Partien auf einem Tischchen neben dem Spieltisch.

Zur 30. Partie erschien
Aljechin in einem feierlichen Anzug und verkündete: "Diesen Frack habe ich
Euwe zu Ehren angezogen."
Die Partien des Wettkampfes beweisen, daß die Ursache für Aljechins Niederlage nicht im versiegen seiner
Schöpferkraft, sondern in seinem menschlichen Versagen gesucht werden muß.
Dennoch verfiel Aljechin nach dem knapp mit 8:9=13 verlorenen Wettkampf nicht in Lethargie. Seine moralische
Kraft war ungebrochen. Von heute auf morgen veränderte er seine Lebensweise und hörte auf zu rauchen und
zu trinken. Im folgenden Jahr trat er, vom Ehrgeiz besessen, mehrfach in die Schranken. Dabei errang er in
Dresden mit 5:1=3 und in Hastings mit 7:0=2 den ersten, in Nauheim mit 4:0=5 den geteilten ersten bis zweiten
und in Amsterdam mit 3:1=3 den dritten Preis. In Nottingham dagegen erlitt er ein Fiasko: Er wurde nur
Sechster.
Bis zum Beginn des Revangekampfes hatte sich Aljechin vollkommen gewandelt: Er wirkte geradezu verjüngt.
Aber nicht nur physisch, auch schachlich war er gekräftigt. In seinen Partien spürte man den zündenden Funken
früherer Jahre. Aljechin war wieder der geniale Neuerer, der phantasievolle Taktiker und gewaltige Stratege von
einst. In dieser Verfassung vermochte er den Rückkampf um die Weltmeisterschaft mit 10:4=11 überzeugend
für sich zu gestallten. Selbst Euwes Anhänger mußten seiner Vielseitigkeit Beifall zollen. Die Eroberung eines
Weltmeistertitels stellt - besonders im Schach - eine Leistung allerersten Ranges dar, die Behauptung des Titels
zeugt von unbändigem Willen, seine Rückeroberung aber grenzt ans Unvorstellbare. Nach den Wettkampf wandte
man sich an
Euwe, um aus berufenem Munde zu erfahren, ob Aljechin seine frühere Kraft wiedergewonnen habe.
"Aljechin ist nicht nur sehr stark, er ist einwandfrei der stärkste Schachspieler auf der Welt", erwiderte der
entthronte Weltmeister, und er verglich Aljechins Können mit den Leistungen, die dieser auf dem Höhepunkt
seiner Laufbahn in San Remo und Bled gezeigt hatte.
Der 46jährige Weltmeister stellte sich 1938 im Vollbesitz seiner Kräfte vor. In Montevideo wurde er unge-
schlagen Erster mit dem hervorragenden Ergebnis von 11:0=4. Auch in Margate nahm er mit 6:1=2 den ersten
Rang ein. In Plymouth teilte er den ersten und zweiten Platz mit 5:0=2. Dagegen mußte er sich im AVRO-Turnier
mit dem vierten bis sechsten Platz zufriedengeben. Dieses Turnier gehört zu den bedeutensten Schach-
veranstaltungen aller Zeiten: Keres, Fine,
Botwinnik, Reshevsky und Flohr - fünf aussichtsreiche Thronan-
wärter - maßen ihre Kräfte mit den drei Weltmeistern Aljechin,
Euwe und Capablanca ! Im Kampf dieser
Titanen errang der 22jährige estnische Großmeister Keres die Palme. Er blieb ungeschlagen, gewann drei Partien
und spielte elfmal Remis, wodurch er den esten und zweiten Platz punktgleich mit Fine teilte. Auch
Botwinnik
überflügelte Aljechin noch, so daß dieser sich damit trösten mußte, daß es ihm gelungen war, in einer Pracht-
partie abermals
Capablanca zu besiegen.
Nach Abschluß des AVRO-Turniers sprach
Botwinnik bei Aljechin vor und forderte ihn offiziell zu einem
Wettkampf um die Weltmeisterschaft heraus. Aljechin war sofort einverstanden. Dieser Kampf wäre zweifel-
los eines der bedeutsamsten Ereignisse der Schachgeschichte geworden, er kam aber wegen des Ausbruchs
des Krieges nicht zustande.
Auf der Schacholympiade in Buenos Aires beteiligte Aljechin sich wieder als Weltmeister. Wie schon in
früheren Jahren blieb er auch diesmal ungeschlagen. Sein Ergebnis lautete 9:0=7. In schwächer besetzten
Turnieren in Südamerika verbuchte Aljechin beidemal einen hundertprozentigen Erfolg, und zwar in Monte-
video mit sieben und in Caracas mit zehn Gewinnpartien.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, befand sich Aljechin als Mitglied der französischen Olympiamannschaft
in Buenos Aires. Er kehrte nach Frankreich zurück. Später beteiligte er sich an mehreren vom deutschen
Schachbund veranstalteten Turnieren. In jener Zeit sind unter seinem Namen Artikel veröffentlicht worden,
die nach dem Krieg herangezogen wurden, um das menschliche und politische Verhalten des Weltmeisters
zu verurteilen. Aljechin hat jedoch energisch bestritten, sie verfaßt zu haben. In den letzten Jahren des Welt-
krieges hielt sich Aljechin in Spanien auf. Irgendwie gelangte er nach Portugal, wo er 1945 das Ende des
Krieges in Lissabon erlebte. Sein Gesundheitszustand hatte sich verschlechtert, und er klagte des öfteren
über Herzbeschwerden. Seine Lage verschlimmerte sich noch, als er erfuhr, daß die Einladung zum Londoner
Turnier 1946 wegen der gegen ihn erhobenen Anklagen rückgängig gemacht worden war.
Als Aljechin Anfang März eine Herausforderung Botwinniks zu einem Wettkampf um die Weltmeisterschaft
empfing, schöpfte er frischen Lebensmut. Der Gedanke an den bevorstehenden Kampf beseelte sein ganzes
Wesen. Doch Träume werden nur allzu oft von der rauen Wirklichkeit zerstört...

Am Sonntag, den 24. März 1946, wurde Dr. Alexander Aljechin, der genialste Schachspieler aller Zeiten,
tot an seinem Schachbrett aufgefunden. Sein sehnlichster Wunsch, den er viele Jahre zuvor geäußert hatte,
war jedoch in Erfüllung gegangen: Er war unbezwungen als Weltmeister gestorben.